Europäisches Künstlerhaus
Oberbayern - Schafhof

 
 
 

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Europäisches Künstlerhaus Oberbayern - Schafhof / Bjørn Melhus - Nightwatch, 2010, 3 channel video installation

Bjørn Melhus: Nightwatch
8. Mai - 16. Juni 2013

Ausstellungseröffnung
7. Mai 2013, Dienstag

arrow17 Uhr: Künstlergespräch
mit Bjørn Melhus und Christian Schoen
arrow19 Uhr: Vernissage
Grußwort: Josef Mederer, Bezirkstagspräsident
Einführung: Christian Schoen, Kunstwissenschaftler / Kurator


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Bjørn Melhus, geboren 1966, ist ein deutsch-norwegischer Medienkünstler. Er gilt als einer der international renommiertesten Videokünstler seiner Generation. Mit der Erweiterung der Möglichkeiten einer kritischen Rezeption von Kino und Fernsehen hat er sich eine singuläre künstlerische Position erarbeitet. Seine Strategie der Zersplitterung, Destruktion und Rekonstruktion bekannter Figuren, Themen und der Struktur der Massenmedien eröffnet nicht nur die Möglichkeit einer Vielzahl neuer Interpretationen und kritischer Kommentare, sondern definiert auch die Beziehung von Massenmedien und Zuschauer neu.

Vom Experimentalfilm kommend wurden Bjørn Melhus' Arbeiten auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt und ausgezeichnet. Seine Filme wurden unter anderem in der Tate Modern und im LUX in London, im Museum of Modern Art (MediaScope) in New York und im Centre Pompidou in Paris gezeigt. Er nahm mit seinen Arbeiten unter anderem an Ausstellungen wie The American Effect im Whitney Museum New York, der 8. Internationalen Biennale in Istambul, Einzel- und Gruppenausstellungen im FACT Liverpool, Serpentine Gallery London, Sprengel Museum Hannover, Museum Ludwig Köln, ZKM Karlsruhe, Denver Art Museum usw. teil.

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Bilder aus der Ausstellung

Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: Ausstellung Bjørn Melhus: Nightwatch

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Werke in der Ausstellung


NIGHTWATCH

Europäisches Künstlerhaus Oberbayern Schafhof - Bjørn Melhus - Nightwatch, 2010, 3 channel video installation

2010, 3-Kanal-Videoinstallation: 7 Zelte, 1 Billboard, 1 Videoprojektion

„Der Wortsinn von „wachen“ [im Titel der Installation NIGHTWATCH] lässt offen, ob es hierbei um das Sehen und wach Sein oder um das Bewachen und Beaufsichtigen geht. (...)

Der Aufbau der Installation NIGHTWATCH wird wesentlich von sieben Zelten im Raum bestimmt. Es sind dünnhäutige Folienbehausungen und sie werden von innen mit Hilfe von Fernsehgeräten beleuchtet. Aus den Zelten dringen ein farbiges entkörperlichtes Licht und ein körperlicher Ton, welche korrespondieren und womit der ganze Raum der Installation in physische Atembewegungen versetzt wird. Wir hören Schlafgeräusche, die anfangs ruhig verlaufen, sich allmählich gepresst steigern und unvermittelt in den Sog eines apokalyptischen Traumas geraten. Es ist der Ton, der dem Licht zur Bedeutung und unseren vagen Vorstellungen zu Bildern verhilft. Der Ton ist eine Neukomposition, er stammt komplett aus Found Footage von einer Vielzahl von Filmen.“ » Zum vollständigen Text

(Uwe Gellner; Katalog "Nachtwache / Nightwatch" zur Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011)

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DEADLY STORMS

Europäisches Künstlerhaus Oberbayern Schafhof - Bjørn Melhus - Deadly Storms, 2008, 3 channel video installation

2008, 3-Kanal-Videoinstallation auf drei Monitoren

„Die Arbeit Bjørn Melhus‘ setzt am politischen Spiel um Tatsachen, Furcht und eine Politik der Wahrheit an. DEADLY STORMS (2008) zeigt den Künstler auf drei Videokanälen als Büste eines nackten Anchorman im Stil des US-amerikanischen Fernsehens. Die Tonspur ist eine Soundcollage aus kurzen Bruchstücken der Nachrichten. (...) Der Trick am Video ist, dass es den flüchtigen Betrachter glauben lässt, es berichte von einer Gefahrensituationm die man einerseits durch das spezielle Nachrichtensignal annehmen kann, und die durch absolute Geläufigkeit solcher Nachrichten andererseits unterstrichen werden. Der Fortgang zersetzt diese Gewissheit.“

(Bjørn Vedder: "Die Wahrheitspolitik der Angst und das umgekehrt Erhabene"; Erschienen in Katja Blomberg (Hg.), Bjørn Melhus. Live Action Hero, Köln: Walther König, 2011)

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HECHO EN MEXICO

Europäisches Künstlerhaus Oberbayern Schafhof - Bjørn Melhus - Deadly Storms, 2008, 3 channel video installation

2009, HD Video-Loop

„Der Titel, zu deutsch ‚Hergestellt in Mexiko‘, verweist jedoch nicht nur auf den Entstehensort des Videos, sondern stellt auch einen Bezug zur aktuellen Situation in dem mittelamerikanischen Land her. (...) Und so kreiert der Künstler für HECHO EN MEXICO über Kostüm und Ausstattung eine Figur, in der sich die Charakteristika des Krieges quer durch die Geschichte des Kriegsfilms motivisch verdichtet. (...) Mit der Medialen Welt und Ihren Mechanismen bestens vertraut, evoziert Melhus filmische Stereotypien und legt, ohne zu diffamieren, deren manipulativen Charakter frei. Es ist sein liebevoller Blick auf die Medien, der ihm eine Kritik von innen heraus ermöglicht und diese umso wirkungvoller macht.“

(Felix Laubscher: "Hecho en Mexico"; Erschienen in Katja Blomberg (Hg.), Bjørn Melhus. Live Action Hero, Köln: Walther König, 2011)

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Informationen über den Künstler

Geboren 1966 in Kirchheim/Teck
Lebt und arbeitet in Berlin
www.melhus.de

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Texte

Europäisches Künstlerhaus Oberbayern Schafhof - Bjørn Melhus - Nightwatch, 2010, 3 channel video installation
Uwe Gellner: NACHTWACHE / NIGHTWATCH

(Katalog "Nachtwache / Nightwatch" zur Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011)

Dunkelheit und Nacht sind die natürlichen Verbündeten des Films und die besten Voraussetzungen dafür, sich den Träumen zu überlassen. Was begleitet die Menschen dorthin? In seiner großformatigen Medien- und Rauminstallation für das Kunstmuseum Magdeburg NACHTWACHE / NIGHTWATCH beleuchtet Bjørn Melhus den Weg in die Traumwelten und gelangt zu den dunklen Seiten der Nacht. Zunächst mit Fotografie befasst, studiert Bjørn Melhus 1990-97 bei Prof. Birgit Hein an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig künstlerischen Film und Video. Der Künstler erinnert sich, dass Braunschweig anfangs der einzige Ort ist, der eine filmische Ausbildung in der freien Kunst in Deutschland anbietet. Längere Aufenthalte an Institutionen in den USA ergänzen seine Ausbildung und den Einstieg in eigene künstlerische Ideen, die im Experimental- und Kurzfilm ihren Ausgangspunkt haben. Als sich die Museen und Institutionen der Videokunst zuwenden, in einem Prozess, der vor wenig mehr als zehn Jahren einsetzt, nehmen seine Filme, Videos und Installationen eine Schlüsselrolle ein. (1)

Ein frühes Video aus dem Jahr 1991 hat den Titel ICH WEISS NICHT WER DAS IST. Darin erblickt Bjørn Melhus sich selbst auf einem Fernsehschirm in filmischen Aufzeichnungen seines Gesichts, die einige Jahre zurück entstanden sind. In dem Video wird die Metapher des Reisens in der Zeit als Verfahren des Filmischen genutzt und auf die subjektive Innensicht gelenkt. Wen sehe ich, wenn ich meinem eigenen Bild im Spiegel begegne? Und weiß ich, was mich prägte und lenkt, was gedanklich und emotional in mir vor sich geht? Bin ich mir selber so sicher? Wie bereits im Titel vorgezeichnet, stößt der Versuch der Selbsterkenntnis an Grenzen. Tatsächlich verflüchtigt sich das eigene Ich, wenn man nach ihm sucht und alle Wege der Selbstreflexion enden an undurchdringlichen Nebelbänken, hinter denen das Unbewusste unserer Existenz lebt. (2) Komfortabler dagegen ist es sich illustrative Projektionsflächen für das eigene Ich beliebig auszuwählen und anzueignen. Der Fernsehschirm schafft solche Gemeinschaften mit dem Betrachter davor, wir spiegeln uns darin. Während wir die Bildereignisse konsumieren, befinden sich die empfangenen Signale permanent im Abgleich mit unserem Selbstbild. Die Faszination, die von diesen unwillkürlich ablaufenden inneren Dialogen ausgeht, ist ein suggestiver Impuls, der insbesondere jüngere Menschen fesselt.

Bjørn Melhus wurde die Frage nach dem Selbstbild zum Motiv seines künstlerischen Denkens. Ob als Dorothy, El Wiz (Elvis Presley), Schlumpf, japanisches Schulmädchen usw., mit jedem Film oder Video, mit jeder neuen Installation taucht er in neue Rollen ein. Er nennt es Verkörperung, denn er tritt nicht als Schauspieler in Erscheinung, wenn er sich in ausgewählte und z. T. neu geschaffene Medienhelden hinein versetzt. Diese Verschmelzung ist eine Art teleempathischer Selbsterweiterung und sie gelingt bis zu dem Moment, der nicht leugnet, dass sich Realität und Fiktion im selben Körper irgendwie drängeln und Komplikationen vorzeichnen. So verkürzen sich die Handlungen seiner Figuren auf wenige Gesten und die Sprache auf wenige Worte, es sind rudimentäre Codes, unentwegt wie in einem Spiegel hin und her geworfen. Die Quelle wird von ihrem Echo dupliziert und aufgefressen. Bjørn Melhus ist persönlich anwesend und er hat das Äußere und die Stimme seiner Vorlage, ein irgendwie synchroner Mix, lustig real, dennoch seltsam hybrid, ein Klon medialer Träume und wie sein Blick zeigt, ist er selber darüber erstaunt. (3) Die Videos und Installationen von Bjørn Melhus entwickeln sich spielerisch fiktional aus der Massenkultur des Moving Images, wobei die Umsetzung seiner Ideen zumeist im Ton ihren Ausgangspunkt hat. So sind die Stimmen seiner Figuren Originalmaterial, doch wurde es fragmentiert und neu geordnet, was den Inhalt der Worte in Frage stellt oder ad absurdum führt. In dieser präzisen Verdichtung entsteht die Prägnanz seiner Figuren. Im Selbstversuch den tiefer gelegenen impliziten Wirkungen von Film und Fernsehen auf der Spur erweitert der Künstler sein Terrain mit jeder neuen Arbeit.

Die mehrkanalige Videoinstallation NACHTWACHE / NIGHTWATCH ist im Herbst 2010 eigens für das 44 m lange Gewölbe des ehemaligen Refektoriums im Kunstmuseum Magdeburg entstanden. Im Gespräch beschreibt Bjørn Melhus einen prägenden Eindruck seiner Kindheit: Abends zwischen den Häuserblocks einer modernen Großsiedlung dringt aus den Fenstern zahlreicher Wohnungen ein gleichmäßiges, flackerndes Licht. Es sind die Fernsehapparate. Dieses Bild, das er heute in seinen Installationen aufgreift, illustriert, wie uniform und durchlässig nicht allein die Wohnarchitektur ist, sondern auch die Privatsphäre ihrer Bewohner, freiwillig verschaltet in eine weltweit operierende Unterhaltungsindustrie.

Die Zeiten weniger Sender gehören der Vergangenheit an und damit der Effekt des gleichen Lichtscheins in vielen Fenstern, allerdings sind die Formate und Inhalte der zahllos ausgestrahlten Programme auch heute identisch oder austauschbar. Mit dem flächendeckenden Flackern und dem Nebeneinander aus realen und fiktionalen Ereignissen, mit amerikanischen Fernsehserien, Nachrichtenbildern aus dem Vietnamkrieg und den Übertragungen der Mondlandungen in die heimischen Wohnzimmer wird das Fernsehen in den 1960er Jahren für eine erste Generation, von Kindheit an, zur Projektionsfläche und zu einem Faktor sozialer Prägungen. Was hat sich in diesem Moment geändert und wie wandelt sich das Individuelle in dem veränderten Umfeld? Die Frage durchzieht die filmische und künstlerische Tätigkeit bei Bjørn Melhus von Beginn an.

Nimmt die Dunkelheit der Nacht den Augen das Licht, dann kehrt sich das Sehen um und öffnet sich für die Bilder vor unserem inneren Auge. Der Titel NACHTWACHE / NIGHTWATCH formuliert neben dem deutschen Begriff auch seine englische Entsprechung, was ihn nicht eindeutiger macht. Der Wortsinn von „wachen“ lässt offen, ob es hierbei um das Sehen und wach Sein oder um das Bewachen und Beaufsichtigen geht. In der Nacht wach zu sein, die Augen offen zu halten, um zu sehen oder um wachsam zu sein, steht im Gegensatz zum Schlaf, dem natürlichen Kontrollverlust des Bewusstseins, während sich die Abgründe unseres Unterbewusstseins öffnen. Im Schlaf folgen uns die Sedimente des bei Tage Wahrgenommenen in das Eigenleben der Halluzinationen unserer Träume. Traumatische Erlebnisse und seelische Verletzungen, die diese hinterlassen haben, verfolgen uns in die unverhältnismäßigen physischen und emotionalen Strapazen von Albträumen.

Die wachsenden Produktionszahlen von Horrorfilmen und so genannten „Splatterfilmens“ in der amerikanischen Filmindustrie der späten 1960er und Anfang 1970er Jahre können unter anderem als Folge des Vietnamkriegs gelesen werden, worin der kollektive Albtraum einer ganzen Nation fiktional wiederkehrt. (4) Der traditionell in nicht unerheblichem Maße vom Pentagon subventionierten und kontrollierten amerikanischen Filmindustrie erbot sich die Aufgabe das Trauma aufzugreifen und den gesellschaftlichen Kontrollverlust zu begrenzen. (5) Bilder zu liefern, welche die realen Verletzungen symbolisch vervielfältigen wurde zur Methode, um über Bilder hinweg zu kommen. Ihnen kommt die tiefenpsychische Ambivalenz von Bildern der Gewalt zugute, gleichermaßen anziehend und abstoßend zu sein. Der englische Begriff „Splatter“ steht lautmalerisch für das Zerfleischen, Häuten, Zermalmen von Körpern. Er entstand als Wortschöpfung aus den beiden englischen Wörtern „to splash“ und „to spatter“, welche beide „spritzen“ bedeuten. Was im Bild passiert, wird durch den Ton noch überhöht, denn so grausam das Gesehene ist, um so grausamer ist das nicht Gesehene, also das unvorstellbar Vorstellbare, das Monströse in unseren eigenen Köpfen. Der Film ergreife die Menschen „mit Haut und Haar“, heißt es bei Siegfried Kracauer in den Marseiller Notizen von 1944. (6)

In vergleichbarer Funktion liefert Hollywood derzeit zahlreiche Produktionen, die den Mythos des einsamen Heimkehrers und Kriegshelden beschwören, der sich bei seiner Rückkehr dem kollektiven Schuldkomplex ausgesetzt sieht. Es sind Produktionen, wie BROTHERS von Jim Sheridan oder Familienkino, wie James Cameron’s AVATAR, über den Naomi Wolf schreibt: „Oft spiegelt die 'irrationale Traumarbeit' einer Nation ihren tatsächlichen Zustand wahrheitsgetreuer wider als ihr 'Ich' – ihre offiziellen Verkündigungen oder diplomatischen Erklärungen.“ (7) Was uns als unsere Gefühle, Wünsche, Gedanken, Motive und Ziele ins Bewusstsein dringt, hat seine sprachlosen Quellen schon davor und erst auf der Bewusstseinsebene bildet sich ein assoziativer Kontext. Zuvor sprachlose Gefühle, wie Furcht und Angst, werden gedeutet, indem sie sich an erfahrene Geschehnisse heften. Somit lassen sich die Monster des Kinos als die Stellvertreter der Angst vor einem körperlosen Bild begreifen.

Generell interessiert an den entstehungsgeschichtlichen Zusammenhängen in der heutigen Film- und Fernsehindustrie begegnet Bjørn Melhus bei seinen Recherchen für NACHTWACHE / NIGHTWATCH das Syndrom P.T.S.D. (Post Traumatic Stress Disorder). Nach dem verstärkten Auftreten von P.T.S.D. bei Kriegsheimkehrern aus dem Irak oder aus Afghanistan rückte die Frage nach den so genannten „Night-Terrors“ erneut ins Blickfeld, welche die Betroffenen heimsuchen. (8) „Nacht-Terror“ ist ein Zustand besonders intensiver nächtlicher Halluzinationen, der extrem angst erregend ist. Während dessen kann der Schlafende seinen Körper absolut nicht bewegen, ist aber hell wach in dem Gefühl, etwas unendlich Böses zu durchleben, dem er wehrlos ausgeliefert ist. (9) Normalerweise werden unsere Erlebnisse im Gedächtnis mit eine Art Zeitmarke versehen und man spürt im Nachhinein noch annähernd, wann etwas stattgefunden hatte. Bei traumatischen Ereignissen läuft das Abspeichern im Gedächtnis völlig anders, denn das Gehirn lässt die Angstreaktionen wie im Video-Loop immer wieder aufleben, jedes mal so als würde das Ereignis augenblicklich stattfinden. Der im Schlaf unkontrolliert fortdauernde Einbruch solcher Erinnerungen in das Bewusstsein macht den von P.T.S.D. Betroffenen größte Probleme.

Der Aufbau der Installation NACHTWACHE / NIGHTWATCH wird wesentlich von sieben Zelten im Raum bestimmt. Sie stehen in Reih und Glied und folgen der Mittelachse des Tonnengewölbes, vielleicht eine militärische Anordnung oder die eines Feldlazarettes. Es sind dünnhäutige Folienbehausungen und sie werden von innen mit Hilfe von Fernsehgeräten beleuchtet. Aus den Zelten dringen ein farbiges entkörperlichtes Licht und ein körperlicher Ton, welche korrespondieren und womit der ganze Raum der Installation in physische Atembewegungen versetzt wird. Wir hören Schlafgeräusche, die anfangs ruhig verlaufen, sich allmählich gepresst steigern und unvermittelt in den Sog eines apokalyptischen Traumas geraten. Es ist der Ton, der dem Licht zur Bedeutung und unseren vagen Vorstellungen zu Bildern verhilft. Der Ton ist eine Neukomposition, er stammt komplett aus Found Footage von einer Vielzahl von Filmen, und er verbindet den gesamten Raum zu einem kollektiven Überkörper, bei dem ungewiss bleibt, ob er sendet oder empfängt. Unsere körperliche Existenz ist an unser pneumatisches Innenleben gekoppelt, was sich das Sounddesign im Kino zu Nutze macht. Es ist der Atem, der uns beweist, dass wir noch am Leben sind. Schreie und Röcheln sind unsere ersten und letzten Äußerungen. Aber die Luft, die unseren Körper belebt, kann auch zum Gegenstand eines besitz ergreifenden Eindringlings werden, der den gewohnten menschlichen Atem in etwas Unheimliches und Animalisches verwandelt und der zu Kontrollverlust führt. Die verwendeten Filmklänge aus RISE OF THE DEAD und DER EXORZIST machen hörbar wie der Geist eines Toten bzw. der Satan selbst in lebende Menschen eindringt, um Vergeltung zu üben. Das Böse auszutreiben, das den Körper ergriffen hat, sind exorzistische Praktiken auch heute auf der Welt an der Tagesordnung. Sie zeichnen sich häufig durch extreme, nonverbale Lautäußerungen aus.

In der Mitte von NACHTWACHE / NIGHTWATCH steht eine Projektionstafel, die an ein Billboard oder eine simple Werbetafel erinnert. So, wie der Mond, das Symbol der Nacht, die Projektionsfläche der Sonne ist und vielleicht das erste verbindende Massenmedium in der Menschheitsgeschichte, so ist das Medium Film von jeher der Seelenspiegel oder die Projektionsfläche der kollektiven, inneren Befindlichkeit. Diese sprichwörtlich kollektive Projektionsfläche ist dabei nur ein Verweis zum filmischen Medium oder Bildlichen an sich. Wir sehen meistens den Mond, der über der Gesamtinstallation schwebend zum ikonografischen Bildverweis eines gesamten Genres wird. In manchen wenigen Phasen der Mondverdunkelung durch die Wolken der Erde erscheinen bruchteilartig neue Bildbezüge, die unsere inneren Bilder für einen kurzen Moment kontextualisieren oder einen scheinbaren Kontext wieder verunsichern und zerstören. Die einzige Versicherung ist die Rückführung zum Medium selbst, als Bildspeicher und Darstellungsmaschine, denn was wir sehen, ist nicht der Mond, sondern die Projektion seiner filmischen Aufzeichnung.

Das dritte Element der Installation NACHTWACHE / NIGHTWATCH ist die Projektion einer menschlichen Gestalt in einem Eulenkostüm, die distanziert über allem zu wachen scheint. Bjørn Melhus, der in seinem früheren Werk immer erkennbar mit den Stimmen aus Film und Fernsehen in Aktion tritt, wird in diesem Fall zum stummen Zaungast, zum Beobachter oder eben als Uhu-Mensch zum nächtlichen Wächter der ganzen Szene. Das, was bisher als fremde Stimme im Körper des Künstlers eine neue Behausung findet, ist in diesem Fall getrennt. Der akustische Körper bleibt körperlos. Der Bildbezug bleibt nahezu ohne Ton und überwacht vom Rande aus die Szene – ein nachtaktiver Greifvogel und lautloser Jäger, dessen Erscheinen im Volksmund zumeist von bevorstehendem Unheil kündet.

Scheinbar unbeeindruckt ist das äugende Mensch-Naturwesen Zeuge einer bedrückenden Seelenlandschaft, die sich an den falschen Mond klammert. Oder ist die Anverwandlung in den distanzierten Nachtvogel dem Angstaffekt des „Speechless Terror“ (sprachloses Entsetzen) zuzuschreiben, der Menschen überkommt, wenn sie sich an das sie verfolgende Trauma zurück erinnern, nicht imstande, sich darüber auszudrücken, es in Worte zu fassen? Die vergebliche Suche nach dem Bild der Menschen in den Zelten fällt auf den Betrachter zurück. Eben so wenig wie sich ein Alb, dieser mythische Naturgeist in weißer Nebelgestalt, mit Händen greifen lässt, so pendelt die gesamte Situation auf einer Schwelle, die zwischen Außen- und Innenwahrnehmung, zwischen Realität und Fiktion, zwischen filmischem Raffinement und dem eigenen Vorstellungsvermögen.

Die Kombination des Tones mit farbigen Lichtabfolgen taucht bei Bjørn Melhus erstmals in der Raum füllenden Installation PRIMETIME aus dem Jahre 2001 auf, wo ein Element Sprache nur mit Farbe verband, als Impulsgeber für etwas, dass noch vorbildlich, also vor dem Bilde ist. Elektronische Bilder bestehen ohnehin nur aus „informiertem“ Licht, frei im Sinne von Vilém Flusser, also in Form gebracht.(10) Mit der folgenden Installation SOMETIMES, 2002, stand dem Licht eine Projektion gegenüber, die dann 2003 bei STILL MEN OUT THERE entfiel, die erste Arbeit einer Werkgruppe von Installationen, die ausschließlich aus Klang und Farbe bestehen. Mit EASTERN WESTERN PARK, 2005, folgte dann erstmals wieder eine erneute Zusammenführung, wobei die reinen Farbfeld-Videoinstallationen mit EMOTIONFIELD #1, 2007, und den verschiedenen TREEHOUSES, 2005-2008, weitergeführt wurden. Mit dem Video MURPHY, 2008, wurden die Farben dann auch erstmals auf die Kinoleinwand gestrahlt.

Die Videos und Installationen von Bjørn Melhus spielen sich nicht in unserer Realität ab, sein Interesse gilt vielmehr der von den Medien verbreiteten allegorischen Realität, deren Synthese uns allerdings Aufschluss über unsere Wirklichkeit gibt. Bjørn Melhus’ Installationen zielen über die Medien hinaus in den sozialen Raum, der den Betrachter integriert. Wenigen Künstlern gelingt es in ihren Arbeiten so tiefgründig in die mentalen Zonen unseres Fernseh- und Medienzeitalters einzudringen, in Parallelwelten als Quelle der Gedanken und Empfindungen unseres Unterbewusstseins. Wenige verstehen es so subjektiv und skurril, wie allgemein zutreffend die Symptome dieser Gegenwart aus sich selbst als Akteur und Betroffener abzuleiten.

Fußnoten

(1) Bereits seit 1984 richtet das Skulpturenmuseum Glaskasten den Marler Video-Kunst-Preis aus, den ersten nationalen Preis für diese Medienkunst, verliehen in Kooperation mit dem Adolf-Grimme-Institut, Marl und der Kunsthochschule für Medien, Köln. 1998 ist Bjørn Melhus Preisträger, hat 1999 seine erste Museumspräsentation. Das für die Sammlung und Darstellung von Medienkunst wegweisende ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, eröffnet 1997.
(2) Gerhard Roth: Die permanente Selbsttäuschung. Über die Schwierigkeit sich selbst zu erkennen. In: Psychologie heute, September 2007, S. 37ff
(3) Der suchende Blick ins Publikum hat im hintergründigen Slap Stick bei Stan Laurel und Oliver Hardy seinen filmischen Ursprung. S. a. Sven Hanuschek: Laurel und Hardy. Eine Revision. Wien 2010
(4) s. a. The American Nightmare, Regie: Adam Simon, Dokumentarfilm, 2000
(5) s. a. Peter Bürger, Militäroperation Hollywood. Wie das Pentagon über Zensur und Drehbuchänderungen Einfluss auf Filmprodukte ausübt – Erkenntnisse aus einem Buch des US-Journalisten David L. Robb, http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19885/1.html, vom 17.04.2005
(6) s. a. Siegfried Kracauer: Werke. Bd. 3. Theorie des Films. Mit einem Anhang Marseiller Entwurf zu einer Theorie des Films. Hg. Inka Mülder-Bach, Frankfurt am Main 2005
(7) Naomi Wolf: Was uns der Film Avatar sagt, http://www.politik.de/forum/kultur/220136-avatar.html, vom 5.02.2010
(8) Die Bezeichnung P.T.S.B. geht auf die amerikanische Psychologin Judith Lewis Herman zurück und ihre Forschungen im Zusammenhang mit Folgen des Vietnamkriegs. Bekanntermaßen beklagt die U.S. Armee aktuell infolge der Kriege im Irak und in Afghanistan mehr Suizide aufgrund von P.T.S.D. als Verluste im eigentlichen Kriegsverlauf.
(9) s. a. Erich Kasten, Ich sehe was, was Du nicht siehst. Visuelle Halluzinationen aus neuropsychologischer Sicht, in: Spektrum der Wissenschaft 12/2000
(10) s. a. http://de.wikipedia.org/wiki/Vil%C3%A9m_Flusser

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