Europäisches Künstlerhaus
Oberbayern - Schafhof

 
 
 

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Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern - Petko Dourmana: Project War

URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY
22. März - 11. Mai 2014
(bis 18. Mai im Erdgeschoss)

Teilnehmende Künstler:
Emese Benczúr (Ungarn)
Pavel Braila (Moldawien)
Andreas Fogarasi (Österreich)
Tobias Putrih (Slowenien)
David Schnell (Deutschland)
Wu Chi-Tsung (Taiwan)
Kurator: Zsolt Petrányi

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> PRESSEGESPRÄCH: 21. März 2014, Freitag 15 Uhr

> VERNISSAGE: 21. März 2014, Freitag 19 Uhr
- Grußwort: Rainer Schneider, Bezirksrat
- Einführung: Zsolt Petrányi, Kurator, Leiter der Abteilung Zeitgenössische Kunst der Ungarischen Nationalgalerie
- anschließend: DJ GreenEsteem (München) und DJ KEN (Budapest)

> KÜNSTLERGESPRÄCH - KUNST#TAG 015: 6. April 2014, Sonntag 15 Uhr
mit David Schnell, Andreas Fogarasi, Pavel Braila und Zsolt Petrányi

> FÜHRUNG - treffpunkt+kunst: 15. April 2014, Dienstag 17:30 Uhr
Interdisziplinäre Führung durch die Ausstellung mit Alexandra Hoffmann - Eintritt frei

> VORTRAG - KUNST#TAG 016: 4. Mai 2014, Sonntag 15 Uhr
Creative Cities - Selbstgefühl und Atmosphäre in der Stadt, Vortrag von Dr. Anne-Lisa Müller, Geographisches Institut der Universität Bremen; Moderator: Björn Vedder

> FÜHRUNG - treffpunkt+kunst: 11. Mai 2014, Sonntag 15 Uhr
Erlebnisorientierte Führung durch die Ausstellung mit Petra Dahlemann - Eintritt frei



Über die Ausstellung

Die Ausstellung Urbane Perspektiven – Dark City untersucht die künstlerische Reaktion auf die illusionistische Architektur unserer Zeit. Schlüsselthemen sind ein kritischer Umgang mit dem Modernismus, antropologische Themen im Zusammenhang mit der Lebensumwelt sowie die Suche nach neuen Raumperspektiven. Gezeigt wird ein breites Spektrum – Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Installationen und Videos.

Das Ausstellungskonzept des Kurators Zsolt Petrányi wurde von der düsteren Atmosphäre des ein Jahr vor Matrix entstandenen Films Dark City (1998) von Alex Proyeas inspiriert, in dem das Stadtbild und die Erinnerungen der Menschen jede Nacht verändert werden. Wohnbereich, sozialer Status, Arbeit und Familie durchlaufen für jeden Protagonisten einen stetigen Wandel, sind nur eine von außen gesteuerte Illusion. Eine Metapher für die immer schnellere Veränderung der Lebensumstände seit dem 20. Jahrhundert, die sich in der Architektur sowie der Gestaltung und Wahrnehmung urbaner Räume widerspiegelt.

Die beteiligten Künstler sind international anerkannte Protagonisten der Kunstszene. So zählt z. B. der deutsche Teilnehmer der Ausstellung, David Schnell, zur berühmten Neuen Leipziger Schule. Der moldawische Künstler Pavel Braila war auf der documenta 11 in Kassel vertreten. Der Österreicher Andreas Fogarasi bekam 2007 den Goldenen Löwen für seine Installation im ungarischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Auch die ungarische Künstlerin Emese Benczur (2003) und der slowenische Künstler Tobias Putrih (2007) waren auf der Venediger Biennale vertreten.

Den roten Faden durch die Ausstellungen des Jahres 2014 bildet das Thema Illusion. Auch in der Kunst kann man zwischen einer formalen und einer inhaltlichen Bedeutung des Begriffs Illusion unterscheiden. In der Ausstellung Urbane Perspektiven – Dark City werden beide Aspekte angesprochen und miteinander verbunden.

arrowKonzept der Ausstellung von Zsolt Petrányi

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Blick in die Ausstellung

Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes Schafhof - Europäisches Künstlerhaus Oberbayern: URBANE PERSPEKTIVEN - DARK CITY, Blick in die Ausstellung, Foto: Zoltán Kerekes

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Über die Künstler


Emese Benczúr: Find It, 2010, Rauminstallation

Emese Benczúr

geboren1969 in Budapest (Ungarn), lebt und arbeitet in Budapest
www.emesebenczur.com

Ihre künstlerische Strategie konzentriert sich auf die Vermittlung von Botschaften und den Prozess des Verstehens. Ihre Installationen beziehen sich auf Räume und Situationen und fordern vom Betrachter eine aktive Rolle bei ihrer Dekodierung. Ihre Arbeiten wurden unter anderem 1999 auf der Biennale in Venedig gezeigt.

Find It! - Obergeschoss, hinterer Teil
2010, Installation: Drahtseile, Kunststoffscheiben, raumabhängig

Emese Benczúrs Installation aus Drähten und Scheiben beendet den Gang durch die Ausstellung. Find It! ist sowohl eine Konklusion als auch eine Aufforderung, das Gesehene weiterzudenken. Der Satz ist eigentlich eine Illusion, weil er nirgendwo wirklich geschrieben steht, sondern nur aus der räumlichen Perspektive von einem einzigen Punkt aus gelesen werden kann. Diesen Punkt konkret im Raum zu suchen ist die Metapher dafür, unseren Platz in der Welt zu finden. Die Markierung im Raum ist deshalb eigentlich schon eine zu große Hilfe, die Botschaft des Werkes zu verstehen. Die Konstruktion ist ausgesprochen präzise: Die Scheiben der hinteren Ebenen sind genau so viel größer als die vorne, dass alle Kreise vom Idealpunkt aus gesehen gleich groß erscheinen. Damit hat sie gleichzeitig ein räumliches Modell für die Perspektive als klassisches Mittel in der Bildenden Kunst geschaffen.

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Pavel Braila: Baron's Hill, 2004, 3-Kanal-Videoinstallation

Pavel Braila

geboren 1971 in Chiºinãu (Republik Moldau), lebt und arbeitet in Chiºinãu (Moldau) und Amsterdam

Seine Themen sind die künstlerische Aufarbeitung der Veränderungen in seinem Heimatland seit der Wende und die Beschäftigung mit Politik und lokale Kultur. Dabei vermittelt er in seinen Video- und Fotoarbeiten über den dokumentarischen Aspekt hinaus eindrucksvolle atmosphärische Bilder. Seine Arbeiten wurden unter anderem 2002 auf der documenta 11 gezeigt.

Baron's Hill - Obergeschoss, Mitte links
2004, 3-Kanal-Videoinstallation, 9'53”

Das Videotriptychon von Pavel Braila führt uns in die kitschige Welt moldawischer Paläste. Die überdekorierte, protzige Einrichtung dieser Residenzen zeugt auf schockierende Weise davon, dass sich der Geschmack des „reichen Menschen” immer noch nach dem Pomp des Barocks des 18. Jahrhunderts zurücksehnt. Vor kurzem zeigten die Medien ähnliche Bilder vom Palast des gestürzten ukrainischen Präsidenten. Obwohl sich der am Urbanen geschulte bürgerliche Geschmack gegen diese Bilder auflehnt, muss man bekennen, dass die Buntheit und Detailverliebtheit des Gezeigten von einer durchaus lebendigen Kultur zeugt. Allerdings werden viele dieser Gebäude gar nicht bewohnt, sondern dienen hauptsächlich Repräsentationszwecken. Es geht den Besitzern also darum, eine aus ihrer Sicht ideale Welt zu zeigen, deren Illusion sogar von den Spuren eventueller Bewohner gestört werden würde. Braila komponierte die drei Videos mit einer auffälligen Genauigkeit und einem sicheren Gespür für Rhythmus. Das Format des Triptichons und das gerahmte (Video-)Bild entsprechen dabei den gezeigten Motiven mit ihren prämodernen sakralen Traditionen. Der vom Kurator durch die Nachbarschaft mit der Installation „Kultur und Freizeit” von Andreas Fogarasi betonte Kontrast zwischen den beiden Welten, der Welt der ehemals im Rahmen der urbanen Architektur öffentlich geschaffenen, heute leer stehenden Räume und der Welt der von persönlichen Sehnsüchten geschaffenen, mit Gegenständen vollgestopften Privatpaläste könnte nicht größer sein.

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Andreas Fogarasi: Kultur und Freizeit, 2007, Videoinstallation

Andreas Fogarasi

geboren 1977 in Wien (Österreich), lebt und arbeitet in Wien
www.georgkargl.com

In seinen Arbeiten untersucht er die institutionellen und ideologischen Rahmenbedingungen des Modernismus. Er dokumentiert und erfindet in seinen Installationen, Zeichnungen und Objekten visuelle Zeichen der Erinnerung. Mit der in der Ausstellung gezeigten Arbeit „Kultur und Freizeit” gewann er 2007 den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig.

Städte
2010, 3 Zeichnungen, je 27,9 x 21,6 cm – Erdgeschoss, vor der Rezeption
2009, 6 Zeichnungen, je 27,9 x 21,6 cm – Obergeschoss, links vom Eingang

Bei den beiden Serien mit Zeichnungen stereotyper Stadt-Benennungen (Wasserstadt, Bierstadt, Ewige Stadt usw.) handelt es sich um filigrane Bleistiftzeichnungen. Die Begriffe existiere zum Teil wirklich (z.B. Ewige Stadt: Rom), zum Teil sind es Erfindungen des Künstlers. Die Funktion ist aber immer ähnlich: Diese Begriffe werden zur Unterscheidung und Idealisierung von Städten kreiert. Aus komplexen urbanen Strukturen wird eine Illusion geschaffen, welche die positiven Merkmale herausstellt und vorhandene negative Seiten einer Stadt ignoriert. Auch in Freising gibt es diese Schilder am Ortseingang mit „historisch, gastlich, jung”. Dies funktioniert sogar bei den fiktiven Namen so gut, dass man sich ohne jedes Bild, sozusagen in das die Zeichnungen dominierende Weiß hinein vorstellen kann, wie eine so beschriebene Stadt aussehen könnte.

Kultur und Freizeit – Obergeschoss rechts
2007, Videoinstallation: Box aus Holzplatten, Projektion, Sound, 7'58”

Bei der Installation handelt sich um sechs Boxen, in denen die Aufnahmen von je einem Kulturhaus in Ungarn zu sehen waren, von denen eine in der Ausstellung „Urbane Perspektiven – Dark City” zu sehen ist. Die Gebäude aus den 60er und 70er Jahren sind immer noch in Betrieb und erlauben den Besuchern auf diese Weise auch eine Zeitreise zu ähnlichen Anlagen in der Geschichte ihres Landes. Die modernistischen, funktionell gebauten Häuser zeigen dabei mit ihrer speziellen Architektur die Vorstellung, wie Kultur erlebt und Freizeit gelebt werden sollte. Die Art der Installation nimmt die Stilelemente der Modernität mit ihrer in zwei Teile geschnittene Black-Box und integrierter Sitzbank auf. Die Dokumentation besteht aus langen Aufnahmen mit wenigen, langsamen Kamerafahrten, die der strengen, funktionalen Linien des Gebäudes entsprechen und dabei Ruhe und auch Pathos vermitteln. Ganz im Gegensatz zur in der Ausstellung benachbarten Arbeit „Baron's Hill” von Pavel Braila, in der die Präsentation von spektakulär angelegten Kitschpalästen in der sakralen Tradition eines Triptychon gezeigt werden. Eine der Stärken der kuratorischen Arbeit von Zsolt Petrányi ist gerade diese assoziativ und gegensätzlich angelegte Zusammenstellung mehrerer Perspektiven.

Mit vielem Dank an die Galerie Kargl, Wien.

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Tobias Putrih: Scr. vs. Fi, 2001, Serie von 11 Digitalprints, jeder 44,5x32 cm

Tobias Putrih

geboren1972 in Kranj (Slowenien), lebt und arbeitet in Cambridge (Massachusetts) und Ljubljana
www.putrih.net

Seine Installationen sind Konstruktionen an der Grenze von Architektur, Design und Gebrauchsobjekten. Bei seinen Fotos und Collagen beschäftigt er sich mit der Sprache der Moderne des 20. Jahrhunderts und stellen die Beziehung zwischen Form und Funktion in Frage. Seine Arbeiten wurden unter anderem 2007 auf der Biennale in Venedig gezeigt.

Sci. vs. Fi. - Ergeschoss vorderer Raum
2009, 11 Digitaldrucke, je 44,5 x 32 cm (Hoch- und Querformate)

Die elfteilige Serie stellt jeweils eine Abbildung aus der Realität (Sci. = Science, Wissenschaft) und der Fantasie (Fi. = Fiction, Erfindung) gegenüber. Dabei geht es nicht um eine wissenschaftliche Analyse von Zusammenhängen, sondern Formen und visuelle Elemente werden assoziativ miteinander verbunden. Die Illusion entsteht, dass alles mit allem zusammenhängt, das die Fantasie natürlich von der Umwelt inspiriert, aber auch die Entwicklung der Realität von der Vorstellungskraft beeinflusst wird. Modernistische Gebäude, reale und fiktive Entwürfe, Modelle, Figuren aus Spielfilmen (z.B. Jar Jar Binks aus Star Wars neben der Grafik einer Giraffe) und Spielzeug (Schlumpfhaus) bekommen eine logische Verbindung. Oft ist nicht einmal mehr sicher, was in welchen Bereich gehört, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Fiktion verschwimmen durch die historisch-dokumentarische Anmutung und den offensichtlich spielerischen Aufbau der Arbeiten.

Study for Venetian Atmospheric C11 - Ergeschoss vorderer Raum
2007, Collage aus Fotos und Grafiken auf Karton, 35 x 37 x 7 cm

Die Venedig-Reihe mit Collagen, von denen eine in der Ausstellung zu sehen ist, beziegt sich auf die Entwicklung der historischen Architektur. Ausschnitte von Gebäuden werden durch Detailaufnahmen, Ornamente, Grundrisse und Zeichnungen von Renaissance-Baukonstruktionen. Durch die räumliche Anordnung entsteht die Illusion eines zeitlichen Verlaufs, gleichzeitig handelt es sich um visuelle Assoziationen des persönlichen Erlebens der Stadt durch den Künstler.

Mit vielem Dank an die Galerija Gregor Podnar, Berlin.

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David Schnell: Schnitt (Detail), 2010, Öl auf Leinwand, 160x120 cm

David Schnell

geboren 1971 in Bergisch Gladbach (Deutschland), lebt und arbeitet in Leipzig
www.eigen-art.com

David Schnell zeigt in seinen Ölbildern den subjektiven Eindruck von Bewegung und Relativität im urbanen Raum. Durch die fragmentierte Darstellung erschafft er einen visionären, Schwerkraft und Physik überwindenden Blick auf Gebäude und Stadtlandschaften. Er gilt als Vertreter der „Neuen Leipziger Schule” und erhielt 2013 ein Stipendium der Villa Massimo in Rom.

Schnitt, 2010, Öl auf Leinwand, 160 x 120 cm - Erdgeschoss vorderer Raum
Pista d'Oro, 2013, Öl auf Leinwand, 150 x 250 cm - Erdgeschoss vorderer Raum

Die beiden großformatigen Gemälde eines der bekanntesten jungen deutschen Malers sind subjektive Perspektiven auf Stadtlandschaften. Er erschaffte einen imaginären, visionären Anblick, in dem die Gebäude und Landschaft in einer Art übernatürlichen, die Schwerkraft und Physik überwindenden Form angeordnet sind. Die fragmentierte Bildoberfläche erweckt den Eindruck, als folge man dem Blick des Künstlers, der sich mit großer Geschwindigkeit vor seinen Motiven bewegt hat. Die Illusion von bewegten Bildern verbindet das klassische Medium der Ölmalerei mit den Neuen Medien. Das während seines Aufenthalts in der Villa Massimo entstandene Bild Pista d'Oro zeigt ein verlassenes Gebäude der Mussolini-Ära, das durch die Zersplitterung nicht nur eine zeitliche Dimension erhält, sondern auch die Kraft der visuellen Gestaltung bei der Aufarbeitung von Geschichte demonstriert.

Mit vielem Dank an die Galerie EIGEN & ART, Leipzig und an Birgit und Friedhelm Heitland.

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Wu Chi-Tsung: Cristall City 001, 2010, Lichtinstallation

Wu Chi-Tsung

geboren 1981 in Taipeh (Taiwan), lebt und arbeitet in Taipei
http://tinakenggallery.com

Der Taiwanesische Künstler verwendet alltägliche Materialien auf erfindungsreiche Weise, um meditative, illusionistische Stadtbilder zu erschaffen. Dabei reflektiert er klassische ostasiatische Motive im Kontext von Neuen Medien und dem Phänomen kultureller Globalisierung. Seine Arbeiten wurden unter anderem zur Nominierung für den Artes-Mundi-Preis 2006 in Cardiff gezeigt.

Crystal City 001 - Erdgeschoss hinterer Raum
2009, Installation: Lampe auf Fahrschiene, transparente Plastikschachteln, raumabhängig

Wu Chi-Tsuns Installation mit dem Titel Crystal City zeigt mit einfachen Mitteln, wie wenig der menschliche Verstand braucht, damit in der Vorstellung des Betrachters aus transparenten Plastikverpackungen Häuser und aus dem Schatten eines bewegten Lichtes Straßenzüge entstehen. Der sich in ständiger Bewegung befindliche Schattenwurf an den Wänden des Ausstellungsraums bedient auf den ersten Blick die Erwartung an eine Videoprojektion, bis mit der Erfassung des ganzen Raumes die Lichtquelle und die Fahrschiene entdeckt werden. Diese Illusion eines digitalen Bildes durch den analogen Aufbau holt die die alltägliche „Medienwirklichkeit” wieder in die Realität der Lebensumwelt zurück. Der Eindruck einer 3-dimensionale Simulation wird durch die erst in der Vergrößerung der Projektion sichtbaren Struktur der in direkter Ansicht völlig durchsichtig erscheinenden Verpackunsschachteln verstärkt. Das Motiv der sich ständig in Bewegung befindenden Großstadt als eine Metapher für einen beschleunigten Lebensrhythmus wird in der Installation auf eine fast abstrakte und gleichzeitig wunderschöne Ebene gehoben.

Rain - Treppenhaus zwischen den Ausstellungsräumen
2002, Video, 12'52”

Das Video zeigt im Hintergrund etwas unscharf eine Brücke in Taipeh. Auffällig sind die unnatürlich scharfen Regentropfen im Vordergrund, ein Effekt, der durch die Aufnahme mit einer Hochgeschwindigkeitskamera entstand. Sie scheinen fast nicht mehr zum Video zu gehören, sondern sich auf der Scheibe des Monitors zu bilden. Obwohl die als helle weiße Punkte erscheinenden Tropfen die Oberfläche zufällig mustern, versucht der Verstand dennoch, eine sinnvolle Struktur zu entdecken. Es könnte sich um einen digitaler Code oder Brailleschrift handeln. Wieder werden digital erscheinende Elemente mit der physikalischen Wirklichkeit verbunden. Eine Verbindung des Videos kann in der Ausstellung zu der sich ebenfalls aus Punkten zusammengesetzten, aber dekodierbaren Installation „Find It!” von Emese Benczúr im Tonnengewölbe gezogen werden.

Mit vielem Dank an die Galerie TKG+, Taipeh

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Urbane Perspektiven – Dark City

Menschliche Lebenswelten aus illusionären Perspektiven

Das Modell der menschlichen Existenz befindet sich in einem Zustand ständiger Veränderung. Neben den technologischen, ökologischen und soziopolitischen Transformationen wird das alte Muster einer linearen Entwicklung und einer konstanten Lebenslinie an einem bestimmten Ort, an dem wir geboren werden, lernen, Kinder großziehen und arbeiten, zurückgelassen. Die Anpassung an neue Umstände wurde Teil unserer alltäglichen und unserer Langzeitplanung.

Ein Film von Alex Proyas, „The Dark City“ (zu dt. Die dunkle Stadt) von 1998 wirft die Grundfragen in diesem Kontext auf, wie und warum die konstanten Veränderungen zu neuen Möglichkeiten der Manipulation führen. Die bekannte oder bereits erfahrene Unsicherheit macht uns Menschen weniger abhängig von lokalen Beziehungen und flexibler um zu überleben.

Bezüglich dieses Prozesses können wir uns erneut auf „Dark City“ beziehen. Die Umwelt und das Stadtbild befinden sich in einem stetigen Wandel und einer Verwandlung. Die Illusion der großen Wohneinheiten ist eine gefälschte Darstellung von Dauerhaftigkeit und einem Fundament stabiler Bedingungen. Bezogen auf Entwicklung und Deklination ist das Bild zu diesem Phänomen, das wir im Kopf haben, verbunden mit dem Wunsch nach Erhaltung und Stabilisierung um sich einen akzeptablen oder bequemen Zustand einzuprägen. Die Perspektiven gegenüber des Lebens oder der Stadt wurden wie unkontrollierbare Phänomene, die wir versuchen sichtbar zu machen. Die Illusion ist verknüpft mit dem Wunsch nach einer positiven Zukunft.

Die modernistischen Ideen von Entwicklung sind verbunden mit dem Gedanken an Anpassung und einem Lebensstil, der dem Zeitalter der Industrialisierung, des Produkts und der Technologie entspricht. Die Philosophie darüber, was gut für den Menschen ist und wie er seine Umwelt und seine Freizeit gestalten sollte, wurde auch zu einer Illusion, nicht nur, weil menschliche Entscheidungen unberechenbar sind, sondern auch wegen des Trends der globalen Migration seit dem späten 20. Jahrhundert. Die Illusion wurde die Zukunft, die sich deutlich in den Quellen der vergangenen Vorstellungen zeigt.

In der zweiten Auflage des Buches Non-Places (zu dt. Nicht-Orte) erklärt Marc Augé in seiner Einführung die neueren Folgen der Globalisierung bezüglich Städten und Architektur. Darin beschreibt er es als einen Ausdruck des Systems selbst. Dadurch ist das Verschwinden von Zentren, deren Ersatz durch andere und die Veränderung des städtischen Lebensraums ein Teil des Prozesses in dem wir leben. Der Mensch als der Bewohner verliert in dieser Situation mehr und mehr die Illusion einer persönlichen Sicherheit, Karriere und Wohlstands. Jedoch bringt die Unsicherheit Werte wie die Schöpfung, Anpassung und die Fähigkeit aus negativen Auswirkungen etwas Wertvolles zu machen mit sich.

Die Ausstellung „Urbane Perspektiven - Dark City“ reagiert auf diese Entwicklungen durch die Untersuchung des künstlerischen Ausdrucks von illusionären architektonischen Umgebungen. Unter diesem Aspekt betrachtet sind der kritische Umgang mit Modernismus, anthropologischen Themen verbunden mit Lebenswelten, dem Überdenken von Raumbeziehungen und dem Vertrauen in die Zukunft als Problemlösungsmöglichkeit, die Schlüsselwörter der präsentierten Künstler. Während Tobias Putrih und Wu Chi-Tsung mit dem Designeffekt von Architektur spielen, untersucht Andreas Fogarasi modernistische Beispiele. Pavel Braila macht die illusionäre Verwendung von Gebäuden zum Thema, während David Schnell persönliche Auffassungen von Relativität in Stadtbildern zeigt. Emese Bencszurs Installation spielt mit der Verbindung von Architektur, Text und dem Erforschungsverhalten der menschlichen Natur.

Zsolt Petrányi, Kunsthistoriker, Kurator der Ausstellung, Leiter der Abteilung Zeitgenössische Kunst der ungarischen Nationalgalerie in Budapest

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